Wandel Tibetischer Rezepturen

Die Tibetische Konstitutionslehre ist eines der ältesten Asiatischen Gesundheitssysteme und zeichnet sich durch eine lebendige, dynamische und adaptierbare Tradition aus. Während ihrer Geschichte und der Verbreitung über weite Teile Asiens haben sich verschiedene Varianten von Rezepturen herausgebildet, die unter dem selben Rezepturennamen geführt werden und im selben Bereich eingesetzt werden.

Gemäss dem Verständnis des Tibetischen Systems erfolgt die Charakterisierung der Pflanzeneigenschaften nach ihren sensorischen Eigenschaften. Darauf basierend wird ihnen eine funktionelle Signatur zugeordnet. Grundsätzlich kann diese durch verschiedene Pflanzen oder Pflanzenteile erfüllt werden.

Tibetische Rezepturen – Eine dynamische Tradition

Für die Tibetischen Vielpflanzen-Rezepturen existieren dadurch botanischen Varianten, die allesamt therapeutisch äquivalent verwendet werden. Diese botanische Plastizität ist allgemein charakteristisch für Rezepturen der Asiatischen Lehren.

Im metabolischen Netzwerk des Organismus setzen pflanzliche Vielstoffpräparate an verschiedenen Stellen und an unterschiedlichen Funktionskreisen und Ebenen gleichzeitig an. Aufgrund dieser pleiotropen Entfaltungsmechanismen bleibt die Signatur einer solchen Tibetischen Rezeptur trotz botanischer Plastizität robust und das Anwendungsgebiet gleich.

Ein Beispiel dafür ist die Rezepturfamilie der Gabur (Kampher) Rezeptur, die über den historischen, geografischen und kulturellen Kontext hinweg in verschiedenen Varianten vorliegt mit dem gleichen Anwendungsgebiet mit Fokus auf Durchblutung und Herz- und Kreislaufstörungen. In Deutschland ist PADMA Basic als eine Variante dieser Rezepturenfamilie bekannt.

Die Eigenschaft sich anzupassen

Die Plastizität Tibetischer Rezepturen war eine Voraussetzung für die weite Verbreitung der Tibetischen Tradition, da die Rezepturen verschiedenen geografischen und ökologischen Bedingungen anpasst werden konnten.

Die Vorteile einer botanischen Plastizität sind gerade heute aus einer anderen Perspektive aktuell, da angesichts des sich verändernden Weltklimas natürliche Habitate der Pflanzen und die Biodiversität bedroht sind.

Deshalb ist es essenziell, dass diese Plastizität und damit Anpassungsfähigkeit in die schriftlichen Aufarbeitungen der Materia medica und die Erstellung allgemeiner Monografien für tibetische Wirkstoffe Eingang finden.

Der Variantenreichtum an botanischen Wirkstoffen wird gerade in Zukunft für die Begegnung mit modernen Herausforderungen der Rezepturenherstellung unerlässlich sein,  um die Kontinuität der dynamischen Tradition aus Tibet sicherzustellen.